Raum der Stille an der Universität: Warum so und nicht anders?
Dieser Raum will und soll in seiner Leere und Unbestimmtheit ein Stück heilsame Wüste inmitten unserer Lebenswelt sein – „heilsam“ deshalb, weil die Stille und Leere der Wüste zumindest in der Tradition der biblischen Religionen der bevorzugte Ort der Gottesbegegnung ist.
Theologie des Raumes: Einem unbekannten, vielnamigen Gott (vgl. Apg 17,23)
… Gott …
Der Raum lebt vom materiellen Kontrast der zentralen Raumelemente: Dem Kunstprodukt Beton – Symbol menschlichen Schaffens – stehen die Naturelemente Erde und Licht – Symbole göttlicher Schöpfung – gegenüber. Die in einen Lichtspalt mündende zentrale Bodenlinie aus gestampftem Lehm durchbricht das ansonsten durchgängige Betonkorsett des Raumes und soll die alle Fesseln irdischer Realität, insbesondere alle Verengungen und Eigenmächtigkeiten menschlichen Seins sprengende Macht göttlicher Transzendenz erinnern.
… vielnamig …
Da der Raum als interreligiöser Gebets-, Meditations- und Feierraum dienen soll, wurde auf die feste Anbringung jeglicher eindeutig einer bestimmten religiösen Tradition zuordenbaren Symbole bewusst verzichtet. Die im zentralen Lichtspalt dauernd brennende Kerzenflamme symbolisiert die ewige, lebendige Gegenwart des Göttlichen.
… unbekannt …
Die auffallende Kargheit des Raumes setzt die akustische Stille des Raumes fort in die Welt der übrigen Sinne. Die bewusste Bild- und Gegenstandslosigkeit des Raumes will Platz schaffen für die Begegnung mit der die materielle, gegenständliche Welt übersteigenden Wirklichkeit und ist zugleich Ausdruck der Bescheidenheit menschlichen Wissens über Gott bzw. Seines jegliches menschliche Fassungsvermögen übersteigenden Wesens. Zugleich fordert die Leere und Unbestimmtheit des Raumes aber auch heraus, ihn mit immer wieder neuen, aber niemals dauerhaften (weil stets unzulänglich bleibenden) Ausdrucksformen religiöser Erfahrung zu füllen: durch die zeitweilige Einbringung künstlerischer Gestaltungselemente etwa oder einfach in Gestalt einer lebendigen Feiergemeinschaft.
Aus dem Ausschreibungstext zum Künstlerwettbewerb
„Der neugestaltete Raum soll die Funktion eines konzentrierten Raumes der Stille wahrnehmen. Er soll als christlicher Raum erkennbar sein, aber auch nicht konfessionell gebundene Personen ansprechen. Er soll flexibel nutzbar sein und sowohl Einzelnen als auch kleinen Gruppen von 3 bis 30 Personen Raum geben. Im Unterschied zu jetzt soll er einen freundlich einladenden und zugleich kraftvollen Charakter erhalten.“
Bauliches Konzept: ehrlich und klar
Die ursprüngliche Bausubstanz sollte so weit wie möglich erhalten bleiben – sowohl in Form als auch Material. Den stärksten Eingriff an den Wänden stellt die Schließung der Oberlichte im Mittelbereich der Ost-Wand und die senkrechte Durchschneidung dieses Wandteils zur Gewinnung eines Lichtspalts dar. Der Haupteingang wurde auf Kosten der Sakristeigröße in die Mitte der West-Wand – direkt gegenüber dem Lichtspalt – gerückt. Bei den verwendeten Materialien wurde auf möglichst große Ehrlichkeit und Klarheit Wert gelegt: grauer bzw. oliv eingefärbter Beton (Wände, Boden, Decke; die Heraklith-Elemente in den seitlichen Deckenfeldern waren aufgrund akustischer Gegebenheiten notwendig), rot gebeiztes Holz (Möblierung, Eingangsbereich), Glas (Oberlichten, Lichtspalt, äußere Eingangtür), gestampfter und geölter Lehm (zentrale Bodenlinie). Auch die eingebrachten Elemente (Möbel, Lichtflächen) sollten der Quadratform des Raumes entsprechend möglichst einfach und geradlinig gestaltet sein.