„Eine Entwicklungsgeschichte“
Provisorium – KHG-Kapelle – Raum der Stille an der Universität
Provisorium
Bei der Errichtung der KHG Ende der 60er Jahre wurde der heutige Raum der Stille zwar als Kapelle der KHG konzipiert, allerdings wenig in die ästhetische Ausgestaltung derselben investiert (abgesehen von einem Tabernakel und Kerzenständern aus Stahlguss des Linzer Bildhauers Prof. Helmuth Gsöllpointner). Entsprechend einer populären kirchenbaulichen Maxime jener Zeit lehnte man die Errichtung eines besonders gestalteten Gottesdienst- bzw. Sakralraumes ab; Liturgie könnte überall gefeiert werden, ein einfacher Mehrzweckraum sollte dafür genügen. Außerdem war wenige Jahre zuvor im Zuge der Errichtung der Johannes Kepler-Universität auf dem Gelände des Starhemberg’schen Schlossparks Auhof die alte, bereits baufällig gewordene Schlosskapelle (im Bereich des heutigen Universitätsplatzes und Uni-Centers) abgetragen und gleichsam als Entschädigung der Diözese seitens des Linzer Hochschulfonds’ die Errichtung eines (inter-) religiösen Andachtsraums auf dem neuen Universitäts-Campus in Aussicht gestellt worden, was in den Folgejahren allerdings nie realisiert wurde. Auch Pläne zum Bau einer offen zugänglichen Universitätskapelle auf einem kircheneigenen Grundstück schräg gegenüber der KHG kamen nie zur Ausführung.
Vor diesem Entstehungshintergrund wird verständlich, weshalb die frühere KHG-Kapelle bei vielen Nutzern bereits nach wenigen Jahren den Eindruck eines de facto zur Dauerhaftigkeit umgewidmeten Provisoriums erweckte. Viele empfanden sie als zu nüchtern und unpersönlich. Die schlechte Schall- und Wärmeisolierung taten ein übriges, um den Raum kalt und abweisend erscheinen zu lassen.
KHG-Kapelle
So begann man, den Kapellenraum Schritt für Schritt mit Elementen zu versehen, die Geborgenheit und Wärme vermitteln sollten: Die Sichtbetonwände und –decken wurden teilweise mit Holz verkleidet, die elektrische Beleuchtung verändert, von der Textil-Künstlerin Waltraud Bräuer ein moderner Webteppich für die Altarwand geschaffen; ein heller, runder Wollteppich in der Mitte des Raumes (zusätzlich auf dem bestehenden dunkelgrauen Spannteppich) sollte für Wärme und Weichheit sorgen, eine große Grünpflanze Lebendigkeit schenken, kupferne, in unterschiedlicher Höhe von den umlaufenden Fensterbänken herabhängende Kerzenhalter mit ihren warmen „Lichttropfen“ eine höhlenartige Geborgenheit vermitteln.
All diese Maßnahmen vermochten das schlechte Raumklima aber nur unwesentlich zu verbessern. In der kälteren Jahreshälfte blieb die Kapelle eine dunkle „Eishöhle“ mit muffiger Luft und das Problem der schlechten akustischen Abdichtung nach außen weiterhin ungelöst. Die Kapelle wurde oft eher als zusätzlicher Musikprobenraum denn zu Meditation, Gebet oder Gottesdienstfeier genutzt.
Immer wieder wurden Stimmen laut, einzelne Elemente an der Kapelle zu ändern. An der ungünstigen Gesamtsituation der Kapelle hätten all diese Einzelmaßnahmen aber kaum etwas zu ändern vermocht.
Ende der 90er Jahre schließlich wollten einige engagierte Studentinnen selbst Hand anlegen oder gemeinsam mit Künstlern Veränderungen in der Kapelle vornehmen. Nach einem längeren Diskussionsprozess war klar: Erstens wären größere bauliche Eingriffe unabdingbar, um das Raumklima grundlegend zu verbessern, zweitens hätte eine „kleine“, zunächst kostengünstigere Lösung – nämlich selbst Hand anzulegen – wahrscheinlich nur für eine „Studentengeneration“ Gültigkeit; allzu bald würden sich erneut unzufriedene „Reformer“ zu Wort melden – auf längere Sicht hin also kaum eine Kostenersparnis. Der Gedanke an ein neues Gesamtkonzept gewann Gestalt. Zugleich lag die Idee nahe, gerade an einer Hochschulgemeinde nicht arrivierte Künstler, sondern Studierende selbst mit der Entwicklung eines solchen Konzepts zu betrauen.
Raum der Stille an der Universität
So ging man im November 2000 daran, an der Linzer Kunst-Universität für die dort Studierenden einen Künstlerwettbewerb auszuschreiben. Die KHG – und innerhalb der KHG v.a. die Katholische Hochschuljugend – hat ihre Wünsche und Erwartungen klar formuliert und in den Ausschreibungstext eingebracht. Dort heißt es: „Der neugestaltete Raum soll die Funktion eines konzentrierten Raumes der Stille wahrnehmen. Er soll als christlicher Raum erkennbar sein, aber auch nicht konfessionell gebundene Personen ansprechen. Er soll flexibel nutzbar sein und sowohl Einzelnen als auch kleinen Gruppen von 3 bis 30 Personen Raum geben. Im Unterschied zu jetzt soll er einen freundlich einladenden und zugleich kraftvollen Charakter erhalten.“ Seitens der KHG und mit grundlegender Unterstützung der Professorin für Kunst an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz DDr. Monika Leisch-Kiesl wurden die Wettbewerbsphase begleitende Gespräche und ein Vortrag angeboten, in denen sich die Studierenden mit dem Thema „moderner Sakralraum“ auseinandersetzen konnten.
Ende Mai 2001 wählte eine Jury[1] aus sieben eingereichten Entwürfen das Gemeinschaftsprojekt der Architektin Andrea Barth, der Malerin Andrea Krenn und des Bildhauers Peter Kulev als Siegerprojekt aus, das zur Umsetzung gelangen sollte. Das Konzept der Künstlergruppe hat die Juroren überzeugt durch den sensiblen Umgang mit dem bestehenden Raum, durch das Nicht-Verbergen der ursprünglichen Architektur des Hauses, durch kraftvolle Schlichtheit und Geradlinigkeit, durch die einfache Symbolik von Erde und Licht als Naturelemente im Kontrast zum Kunstmaterial Beton und durch die konsequent einheitliche und zugleich akzentuierende Material- und Farbwahl.
Die Künstlergruppe hat im Laufe eines einjährigen Gesprächsprozesses gemeinsam mit der KHG und dem Architekten Franz Treml sowie dem Bauingenieur Friedrich Guggenberger an der Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzeptes und seiner Umsetzung gearbeitet. Nachdem durch Subventionszusagen seitens des Landes OÖ., der Stadt Linz, des Linzer Hochschulfonds’ (auf Grundlage der bei der Errichtung der JKU eingegangenen Verpflichtung, s.o.) und der Diözesanfinanzkammer die Finanzierung gesichert war, konnte Mitte Juli 2002 mit den Umbauarbeiten begonnen werden. Am 9. Oktober 2002 wurde der neue Raum der Stille an der Universität durch Diözesanbischof Maximilian Aichern feierlich eröffnet und gesegnet.
Mag.a Johanna Raml-Schiller / Dr. Markus Schlagnitweit